Der magische Alltag einer Versagerin


Des Öfteren erreicht mich über’s Internet eine bunte Mischung aus zauberhaften Komplimenten und seltsame Anfragen. Eine davon bringt mich jüngst besonders aus dem Konzept, weil mir nichts ferner liegen könnte. Warum auch immer, habe ich nämlich jetzt schon mehrfach gelesen, dass junge Frauen um die Zwanzig von Zeit zu Zeit anscheinend das zweifelhafte Verlangen packt, so sein zu wollen wie ich. Erst habe ich herzhaft darüber gelacht, bis mir die Tränen kamen, dann hatte ich die Idee hässliche Flyer drucken zu lassen, die mit widerlich gestellten Fotoszenen davor warnen so sein zu wollen, wie eine mittelmäßig intelligente Versagerin Anfang 30 mit sozialen Ängsten in einer deutschen Großstadt. Da ich aber eh zu faul und unambitioniert bin, um für einen mäßig lustigen Witz einen echten Copyshop aufzusuchen, dachte ich mir ich erzähle einfach kurz, was mir neulich passiert ist. Das müsste eigentlich reichen, um die Jugend zu retten. 


Here we go: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ich mich in einem viel zu engen City Edeka, das bis oben hin mit überteuerten Touristenlebensmitteln vollgestopft ist, verzweifelt auf der Suche nach einem verdammten Korkenzieher wiederfand, da ich bei Freunden eingeladen war, die sich zwar gerne betrinken, aber nicht gerne genug, um auch das passende Alkoholikerwerkzeug zur Hand zu haben, da sie anders als ich, wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sind und zu der Zeit, in der Nichtsnutze wie ich in einem viel zu kleinen Lebensmittelladen Korkenzieher suchen, lieber arbeiten gehen und Geld verdienen. Gott schütze sie! 

Als professionelle Trinkertochter und Gelegenheitsgastronomieallzweckwaffe habe ich zwar die passenden Instrumente vorrätig, aber nicht die intellektuellen Kapazitäten, um mir Dinge im Alltag zu merken. Also: Edeka auf dem Weg zur Verabredung und einen überteuerten Korkenzieher kaufen, der nach der dritten Benutzung eh so verbogen ist, dass man ihn nur noch als schlechtes Beispiel verwenden kann. Ähnlich wie mich. 

Da ich mir kurz zuvor am U-Bahnhof noch hastig die Nägel lackieren musste, konnte man mich nur dabei beobachten, wie ich dilettantisch und halb abwesend Nagellackreste von den Teilen meiner Hand abkratze, auf die traditionellerweise kein Nagellack gehört. Ich hatte vorher dazu nämlich keine Zeit. Zu Hause war mir aus dem Kühlschrank ein volles Glas überteuerte Marmelade aus der Tür direkt auf den Fuß gefallen und vor Ort zersplittert. Bis ich die zähe Mischung aus 0 negativ und französischer Himbeere vom Küchenboden gekratzt hatte, war es auch schon viel zu spät für wirklich notwendige Stylingmaßnahmen, wie Maniküre. 

Da ich in Berlin geboren bin, fehlt mir genetisch bedingt das Taktgefühl komplett und das Schamgefühl steht mir nur rudimentär zur Verfügung, es machte also in meinem Kopf am meisten Sinn zeitsparend neben den ortsansässigen Heroinabhängigen auf dem U-Bahnhof meine Fingernägel zu lackieren. Kein großes Ding, alles wie immer. Keiner schien etwas dagegen zu haben und unkommentiert bleibt hier ja bekanntlich eh nichts. Meine Chancen wenigstens bei meinen Freunden den Eindruck einer geregelten Alltags plus regelmäßiger Körperhygiene zu erwecken, schienen mir dadurch exponentiell gestiegen zu sein. In solchen Situationen gilt immer: Solange es keiner sieht, der dich persönlich oder deine Großmutter kennt, ist auch nichts passiert. 

Als ich unter mittellautem, bilingualem Fluchen endlich fündig wurde, hätte ich als deutsche Staatsbürgerin wahrscheinlich meiner Bürgerpflicht nachkommen müssen und den TÜV Nord von der Existenz eines wahrscheinlich lebensgefährdenden Flaschenöffners unterrichten müssen. Stattdessen lobte ich den Herrn und sprang in die rettende S-Bahn und gratulierte mir selbst zum gelungenen Erwachsensein. 

Wer jetzt immer noch denkt, mein Alltag sei auch nur irgendwie erstrebenswert, sollte vielleicht zu denken geben, dass während ich diesen Text geschrieben habe, die ganze Zeit Straßenbande 187 im Hintergrund lief. Jetzt mal im Ernst: Sucht Euch ein anderes Vorbild, bitte. Und sagt hinterher nicht, ich hätte Euch nicht gewarnt. 

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